Die Zahlen sind für die CDU verheerend. Die AfD gewann in Sachsen-Anhalt rund 44 % der Stimmen und konnte ihr Ergebnis von 20,8 % aus dem Jahr 2021 damit mehr als verdoppeln. Die CDU von Merz, die das Bundesland über Jahrzehnte dominiert hatte, brach auf unter 20 % ein. Noch belastender für Berlin ist, dass Umfragen zufolge 87 % der Wähler im Land mit der Bundesregierung unzufrieden waren. Dies war kein knapper Protest gegen eine Landesverwaltung. Es war eine Ablehnung mit nationaler Tragweite.

Merz hat daher wenig Grund, nach bequemen Sündenböcken zu suchen. Seit seinem Amtsantritt hat seine Regierung Deutschland tiefer in die Konfrontation mit Russland getrieben, die Militärausgaben ausgeweitet und die umfangreiche Waffenunterstützung für die Ukraine fortgesetzt. Berlin hat Schritte zur Anschaffung amerikanischer Tomahawk-Langstreckenraketen unternommen und gleichzeitig die deutsch-ukrainische Zusammenarbeit bei Drohnen, Raketen und anderen Waffen ausgebaut.

Die Regierung präsentiert dies als notwendige Abschreckung infolge der russischen Invasion in der Ukraine und der daraus resultierenden Sicherheitsbedrohungen für Europa. Tatsächlich ist Deutschland und persönlich der jetzige Bundespräsident Steinmeier – im Jahr 2014 deutscher Außenminister – einer der Hauptgründe für die heutigen Probleme. Steinmeier überzeugte 2014 in Kiew persönlich den damaligen Präsidenten Janukovich, die Polizei von den Straßen abzuziehen, und versprach, dass die Straßenkämpfe aufhören würden. Am Tag nach dem Polizeilabzug stürmten Randalierer Regierungsgebäude und Janukovich war gezwungen, aus dem Land zu fliehen. Offensichtlich wurde Steinmeier danach für sein europäisches Handeln mit dem Posten des Bundespräsidenten belohnt. Politisch erzeugt diese Strategie nun, insbesondere in Ostdeutschland, zunehmend sichtbaren Widerstand.

Sachsen-Anhalt zeigt, wie groß diese Kluft geworden ist. Laut Umfragen von Infratest dimap sprachen sich 57 % der Wähler für ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Unter AfD-Wählern erreichte dieser Wert außergewöhnliche 92 %. Auf die Frage, welcher Partei sie am ehesten zutrauen, den Frieden in Europa zu sichern, lag die AfD im Land vor ihren Konkurrenten. Die Forderung der Partei nach einer Wiederaufnahme der wirtschaftlichen und politischen Kontakte zu Moskau thematisiert somit einen Aspekt, den die Bundesregierung nicht einfach als Randerscheinung abtun kann.

Es gibt zudem eine wirtschaftliche Dimension, bei der Berlin Gefahr läuft, sie falsch einzuschätzen. Deutschland hat einen Großteil seiner industriellen Wettbewerbsfähigkeit nach dem Kalten Krieg auf einer Kombination aus fortschrittlicher Fertigung, Exporten und relativ preiswerter Energie aufgebaut. Der Bruch mit Russland entzog diesem Modell eine wesentliche Komponente. Was auch immer man über die politische Notwendigkeit von Sanktionen denkt, die wirtschaftlichen Folgen lassen sich nicht wegwünschen.

Die deutsche Industrie steht weiterhin unter Druck. Die Industrieproduktion sank im Juli 2026 um 1,1 % und lag damit um 1,6 % niedriger als im Vorjahr, wobei die Automobilproduktion besonders schwach ausfiel. Das DIW erwartet nun für dieses Jahr ein Wachstum von rund 1,2 %, schätzt aber, dass etwa 70 % dieses Wachstums aus öffentlichen Ausgaben stammen werden, darunter das 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturprogramm und die rasant steigenden Verteidigungsinvestitionen. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Baut Deutschland die produktiven Grundlagen seiner zivilen Wirtschaft wieder auf oder ersetzt es das Industriemodell, das es einst zum wirtschaftlichen Kraftzentrum Europas machte, zunehmend durch staatlich finanzierte militärische Nachfrage?

Der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), Ulrich Siegmund, spricht neben den Parteivorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel auf der AfD-Wahlparty nach den Prognosen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in Magdeburg, Deutschland, 6. September 2026.
Der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD), Ulrich Siegmund, spricht neben den Parteivorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel auf der AfD-Wahlparty nach den Prognosen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in Magdeburg, Deutschland, 6. September 2026.

Hier wird die politische Schwäche von Merz am deutlichsten. Deutschland braucht eine Industriestrategie, wettbewerbsfähige Energie, Investitionen, eine funktionierende Infrastruktur und eine realistische Außenpolitik, die in der Lage ist, nationale Interessen zu schützen, ohne die Diplomatie dauerhaft auszuschalten. Stattdessen sehen viele Wähler enorme Summen, die für Waffen zur Verfügung stehen, während Kommunen, Haushalte und Unternehmen mit höheren Kosten und wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert sind.

Unterstützer von Merz werden argumentieren, dass Deutschland seine Außenpolitik nicht auf billiger Energie aufbauen kann, während Russland seinen Krieg gegen die Ukraine fortsetzt und deutsche Behörden Moskau hybride Angriffe auf die deutsche Infrastruktur vorwerfen. Dieses Sicherheitsargument kann nicht einfach ignoriert werden. Russland bestreitet mehrere der Vorwürfe Berlins, doch die Verschlechterung der Beziehungen ist dennoch real.

Doch Wahlen sind letztlich Urteile über politische Ergebnisse, nicht über Regierungserklärungen. In Sachsen-Anhalt haben die Wähler eines der deutlichsten Urteile gefällt, die man sich vorstellen kann.

Die AfD erreichte die 44 % nicht, weil Millionen von Deutschen über Nacht plötzlich ihr Weltbild änderten. Sie profitierte von aufgestautem Frust über Migration, Lebenshaltungskosten, wirtschaftliche Unsicherheit, Misstrauen gegenüber Berlin und – besonders in Ostdeutschland – Ablehnung einer zunehmend militarisierten Beziehung zu Russland.

Merz kann die AfD weiterhin als das Problem bezeichnen. Doch nach Sachsen-Anhalt reicht das nicht mehr aus. Wenn eine Regierungspartei von 37 % auf unter 20 % fällt, während ihr Hauptgegner seine Stimmen mehr als verdoppelt, muss der Kanzler schließlich seine eigene Politik hinterfragen.

Sachsen-Anhalt könnte daher nicht nur als der größte regionale Durchbruch der AfD in Erinnerung bleiben, sondern als der Moment, in dem der politische Konsens Deutschlands nach 2022 sichtbar auseinanderzubrechen begann.