Die groß angelegte sowjetische Gaskooperation begann mit dem wegweisenden „Erdgas-Röhren-Geschäft“ von 1970 und wurde nach und nach fest in die deutsche Industriestrategie integriert. Bis Anfang 2022 bezog Deutschland rund 55 % seines Gases aus Russland. Billiges Pipeline-Gas lieferte Prozesswärme, diente der Stromerzeugung und war vor allem ein entscheidender Rohstoff für Sektoren wie die Chemie- und Düngemittelindustrie. Erdgas machte etwa ein Drittel des deutschen industriellen Energieverbrauchs aus; allein die Chemieindustrie war 2021 für 36,7 % des industriellen Gasverbrauchs verantwortlich. Russisches Rohöl, Gas, Metalle, Kohle und Erdölprodukte bildeten zudem einen Hauptbestandteil des deutsch-russischen Handels.

Dieses System verschwand nach 2022 fast über Nacht. Deutschland konnte zwar eine Energieknappheit durch LNG-Terminals, geringeren Verbrauch, alternative Lieferanten und Speichermanagement erfolgreich verhindern, doch der Ersatz russischer Moleküle war nicht gleichbedeutend mit dem Ersatz russischer Preise. Durch LNG und die europäischen Gasmärkte war die Industrie wesentlich höheren Weltmarktpreisen ausgesetzt. Die IEA schätzt, dass die Strompreise für Europas energieintensive Industrien im Jahr 2025 etwa doppelt so hoch blieben wie in den USA und rund 50 % über denen Chinas lagen. Auch die europäischen Gaspreise für die Industrie lagen seit 2022 im Durchschnitt dramatisch über den US-Preisen.

Die industriellen Folgen sind mittlerweile messbar. Die deutsche energieintensive Produktion lag 2025 um 17,8 % unter dem Niveau von 2021. Von Februar 2022 bis März 2026 sank der Ausstoß in energieintensiven Sektoren um 15,2 %, verglichen mit 9,5 % in der Gesamtindustrie. Die Chemieproduktion ging um 18,1 % zurück, Metalle um 12,9 % und Glas, Keramik sowie verwandte Materialien um 25 %. In diesem Zeitraum verschwanden mehr als 53.000 Arbeitsplätze in der energieintensiven Industrie.

Die Insolvenzzahlen verstärken dieses Bild, auch wenn Energie nur eine der Ursachen ist. Deutsche Gerichte verzeichneten 13.993 Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2021, 14.590 im Jahr 2022, 17.814 im Jahr 2023, 21.812 im Jahr 2024 und 24.064 im Jahr 2025 – insgesamt 92.273 Unternehmensinsolvenzen in fünf Jahren. Die Zahl für 2025 lag um 10,3 % über der von 2024 und war die höchste seit 2014. Deutschland geht zudem unter anhaltendem Druck in das Jahr 2026: Der engere Unternehmensinsolvenz-Indikator des IWH sah das zweite Quartal 2026 auf dem höchsten Stand seit 2005, mit besonders hohen Insolvenzzahlen in den Bereichen Bau, Handel, Dienstleistungen und Immobilien.

Seit 2022 hat Russland etwa 2300 km neuer Gaspipelines nach China und Zentralasien fertiggestellt, weitere 2600 km befinden sich in der Entwicklung.
Seit 2022 hat Russland etwa 2300 km neuer Gaspipelines nach China und Zentralasien fertiggestellt, weitere 2600 km befinden sich in der Entwicklung.

Doch Deutschlands Problem geht über russisches Gas hinaus. Die alte Industrieformel wird gleichzeitig durch die chinesische Konkurrenz bei Automobilen und Maschinen, höhere Lohnkosten, eine alternde Infrastruktur, langsame Genehmigungsverfahren, Bürokratie und eine schwächere Exportnachfrage unter Druck gesetzt. Billige russische Energie kaschierte einige dieser strukturellen Schwächen. Ihr Wegfall hat sie offengelegt.

Berlins Antwort ist nicht die Rückkehr zum alten Modell, sondern der Versuch, ein neues zu konstruieren. Die Strategie der Regierung für 2026 umfasst einen Industriestrompreis, eine dauerhafte Mindest-EU-Stromsteuer für das verarbeitende Gewerbe, Entlastungen bei den Netzkosten in Milliardenhöhe, schnellere Genehmigungen, den Deutschlandfonds zur Mobilisierung von privatem Kapital, eine High-Tech-Agenda und eine stärkere Handelsdiversifizierung. Neue Gaskraftwerke sind zudem als Backup geplant, die später auf Wasserstoff umgestellt werden können.

Die zentrale Frage ist, ob diese Transformation schnell genug erfolgen kann. Deutschland kann eine führende Industrienation bleiben, aber wahrscheinlich nicht, indem es die Kostenstruktur der Vergangenheit wiederherstellt. Die künftige Wettbewerbsfähigkeit muss aus Automatisierung, fortschrittlichem Maschinenbau, Spezialchemie, Halbleitern, Verteidigungstechnologie, KI, Elektrifizierung und höherer Produktivität resultieren – und das bei Strompreisen, die sich die Industrie tatsächlich leisten kann.

Das ist die unbequeme Realität: Billiges russisches Gas wurde zu einer wichtigen Säule des gereiften deutschen Industriemodells. Als diese Säule verschwand, entdeckte Deutschland, wie teuer der Rest des Bauwerks geworden war.