Die Entscheidung bedeutet nicht, dass plötzlich ein einziges „BRICS Pay“-Netzwerk live gegangen ist. Aber sie rückt das Projekt über politische Slogans zur Entdollarisierung hinaus in Richtung einer potenziell praktischeren Lösung: die Verknüpfung von Zahlungssystemen, die bereits heute täglich Milliarden von Inlands-Transaktionen abwickeln.
In ihrer gemeinsamen Erklärung würdigten die BRICS-Finanzchefs die bereits von der BRICS Payment Task Force geleistete Arbeit und forderten weitere Fortschritte bei praktischen grenzüberschreitenden Lösungen, die schnell, kostengünstig, zugänglich, effizient, transparent und sicher sind.
Diese Formulierung ist wichtig.
BRICS schlägt derzeit keine gemeinsame Währung vor, die mit dem Euro vergleichbar wäre. Es wurde auch kein verbindlicher Ersatz für SWIFT angekündigt.
Stattdessen basiert das entstehende Modell auf Interoperabilität.
Indien betreibt bereits UPI, das nach Transaktionsvolumen mittlerweile weltweit größte Fast-Payment-System für den Einzelhandel. Allein im August wurden dort 24,51 Milliarden Transaktionen im Wert von 29,82 Billionen Rupien (rund 314 Milliarden US-Dollar) abgewickelt. Brasilien verfügt über Pix, China hat seine eigenen hoch entwickelten Zahlungsnetzwerke, während Russland nach den westlichen Sanktionen eine eigene Infrastruktur für Zahlungen und Finanznachrichten aufgebaut hat.
Wenn diese Systeme grenzüberschreitend miteinander kommunizieren können, könnten die BRICS-Staaten theoretisch internationale Zahlungen realisieren, ohne dass jede Transaktion die traditionelle Kette von Korrespondenzbanken durchlaufen muss.
Von BRICS Pay zu BRICS Bridge
Hier müssen mehrere Initiativen voneinander getrennt werden, die oft miteinander verwechselt werden.
BRICS Pay ist das umfassendere Zahlungskonzept für Verbraucher und Unternehmen.
BRICS Bridge bezieht sich auf eine potenzielle Infrastruktur für grenzüberschreitende Abrechnungen (Settlement) unter Verwendung digitaler Währungen.
Und BRICS Clear wurde als mögliche unabhängige Infrastruktur für die Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren diskutiert.
Russische Berichte erwähnten auch längerfristige Konzepte wie eine BRICS-Abrechnungseinheit und eine Versicherungsinfrastruktur. Diese befinden sich jedoch in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sollten nicht als ein fertiges Finanzsystem betrachtet werden.
Das Verbraucherkonzept von BRICS Pay wurde bereits demonstriert. Beim BRICS Business Forum in Moskau im Jahr 2024 testeten die Teilnehmer QR-Code-Zahlungen über eine Versuchs-App.
Allerdings berichtete RBC im Juni 2026, dass das System noch nicht den vollen kommerziellen Betrieb aufgenommen habe. Der Fokus hatte sich auf ein grundlegenderes Ziel verlagert: die Schaffung gemeinsamer Standards, die es verschiedenen nationalen Zahlungsinfrastrukturen ermöglichen, in Echtzeit zu interagieren und Transaktionen in lokalen Währungen abzurechnen.
Die heutige Entscheidung fügt sich daher direkt in diese Entwicklung ein.

Indien treibt die nächste Stufe voran: CBDCs
Indien möchte nun, dass BRICS eine noch ehrgeizigere Ebene untersucht: die Verknüpfung digitaler Zentralbankwährungen (CBDCs).
Reuters berichtet, dass Indien das Thema voraussichtlich auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs am 12. und 13. September vorantreiben wird. Ein solches System könnte es letztlich ermöglichen, digitale Rupien, digitale Yuan, digitale Rubel oder andere souveräne digitale Währungen über vernetzte Zentralbankplattformen auszutauschen.
Theoretisch könnte dies die Abrechnung nahezu unmittelbar machen.
Ein Unternehmen in Indien, das Waren von einem anderen BRICS-Mitglied kauft, könnte in Rupien bezahlen, während der Exporteur seine Landeswährung erhält – wobei die Umrechnung und Abrechnung über die verknüpfte Infrastruktur erfolgt und nicht über mehrere Korrespondenzbanken.
Das ist potenziell weit bedeutender als der bloße Start eines weiteren internationalen Kartensystems.
Russland betont: Es geht nicht nur um die Abkehr vom Dollar
Die russische Position ist ebenfalls nuancierter, als viele Schlagzeilen vermuten lassen.
Kreml-Sprecher Dmitry Peskov erklärte diese Woche, dass Russland die Entdollarisierung nicht als Selbstzweck verfolge. Stattdessen argumentiert Moskau, dass Beschränkungen bei der Verwendung bestimmter Währungen die Länder zur Abrechnung in nationalen Währungen gedrängt haben. Laut Peskov werden bereits rund 90 % der russischen Transaktionen mit BRICS-Staaten in nationalen Währungen abgewickelt.
Indien ist bei der politischen Wortwahl noch vorsichtiger.
Eine an den Gipfelvorbereitungen beteiligte indische Regierungsquelle sagte gegenüber TASS, dass die Diskussionen über nationale Währungen und CBDC-Plattformen darauf abzielen, Transaktionskosten zu senken. Sie sollten als Ergänzung zu bestehenden globalen Zahlungssystemen betrachtet werden, nicht als ein Projekt, das gegen ein bestimmtes Land gerichtet ist.
Diese Unterscheidung ist wichtig, da die BRICS-Mitglieder sehr unterschiedliche Interessen haben.
Russland und der Iran haben starke Anreize, die Abhängigkeit von einer westlich kontrollierten Finanzinfrastruktur zu verringern. Indien wünscht sich billigere Zahlungen, ohne eine übermäßige Abhängigkeit von China zu schaffen. Die VAE bleiben tief in das auf dem Dollar basierende globale Finanzsystem integriert. Brasilien und Südafrika haben ihre eigenen wirtschaftlichen Prioritäten.
Eine erfolgreiche BRICS-Zahlungsarchitektur muss daher funktionieren, ohne dass jedes Mitglied derselben geopolitischen Agenda folgen muss.
Noch kein SWIFT-Killer
Behauptungen, dass BRICS Pay kurz davor stehe, SWIFT zu ersetzen, sind daher verfrüht.
SWIFT ist in erster Linie ein Netzwerk für Finanznachrichten, das Tausende von Institutionen weltweit verbindet. BRICS Pay entwickelt sich in eine andere Richtung: die Schaffung von Verbindungen zwischen nationalen Zahlungsinfrastrukturen und Abrechnungssystemen.
Aber das könnte letztlich ebenso bedeutend sein.
Die Welt wird sich möglicherweise nicht von einem dominanten System zu einem anderen bewegen. Stattdessen könnte sie sich in Richtung multipler, miteinander vernetzter Zahlungsnetzwerke entwickeln, wobei Länder je nach Kosten, Währung und politischen Umständen zwischen verschiedenen Abrechnungswegen wählen.
Die heutige Entscheidung der BRICS-Finanzchefs stellt dieses System noch nicht fertig.
Sie zeigt jedoch, dass die Diskussion von der Frage, ob eine alternative Zahlungsarchitektur existieren sollte, zu der Frage übergegangen ist, wie sie tatsächlich funktionieren kann.
Und wenn der Gipfel in New Delhi am Wochenende eine Einigung über die CBDC-Interoperabilität oder einen konkreten Zeitplan für die Vernetzung der nationalen Zahlungssysteme hervorbringt, könnte BRICS Pay endlich den Übergang von einem experimentellen Projekt zu einer echten internationalen Finanzinfrastruktur beginnen.




