Wirtschaftlich gesehen war die Transformation jedoch mit einem Preis verbunden, der immer schwerer zu ignorieren ist. Vor 2022 bezog die EU etwa 45 % ihres importierten Gases aus Russland. Billiges Pipeline-Gas war besonders wichtig für die deutsche Chemie-, Metall-, Glas-, Düngemittel-, Maschinenbau- und Fertigungsindustrie. Europa ist es zwar gelungen, den Anteil Russlands drastisch zu senken – auf heute etwa 12 % der Gasimporte –, aber ein Großteil des fehlenden Pipeline-Gases wurde durch LNG ersetzt, das auf einem globalen Markt gekauft wird, auf dem Europa mit Asien konkurrieren muss.
Die Anfälligkeit wurde in diesem Jahr erneut schmerzlich sichtbar. Die europäische Benchmark für Gas überstieg vor kurzem 90 € pro MWh, was etwa dem Dreifachen des Standes vor einem Jahr entspricht, da Störungen rund um die Straße von Hormus das LNG-Angebot verknappten. Die europäischen Speicherstände lagen bei nur etwa 67 %, gegenüber rund 80 % im Vorjahr. Europa hat physische Engpässe nach 2022 vermieden, aber es hat die Anfälligkeit für Energieschocks nicht beseitigt – es hat lediglich die Quelle dieser Anfälligkeit verändert.
Für die Industrie ist die Lücke bereits gravierend. Die International Energy Agency schätzt, dass die Strompreise, die energieintensive EU-Hersteller im Jahr 2025 zahlten, mehr als doppelt so hoch waren wie in den USA und über 50 % höher als in China und Indien. Der Wettbewerbsbericht von Mario Draghi kam zu einem noch beunruhigenderen Ergebnis: Die europäischen Industriegaspreise lagen zeitweise beim Drei- bis Fünffachen des US-Niveaus, während Industriestrom zwei- bis dreimal so viel kosten kann wie in konkurrierenden Volkswirtschaften.
Deutschland liefert die deutlichste Warnung.
Die deutsche energieintensive Industrieproduktion lag im Jahr 2025 weiterhin 17,8 % unter ihrem Niveau von 2021. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe ging das dritte Jahr in Folge zurück, während Automobile, Maschinenbau und Chemie weiterhin unter Druck standen. Deutschlands BIP schrumpfte sowohl 2023 als auch 2024 und wuchs 2025 nur um 0,2 %. Hohe Energiekosten sind nicht die einzige Erklärung – schwache Investitionen, chinesische Konkurrenz, Zinssätze, Regulierung und schwächere Exporte spielen ebenfalls eine Rolle –, aber Deutschlands eigenes statistisches Bundesamt identifiziert Energiekosten wiederholt als einen der strukturellen Belastungsfaktoren für die Industrie.
Auch die Zahl der Unternehmenspleiten steigt. Deutschland verzeichnete 13.993 Insolvenzen im Jahr 2021, 14.590 im Jahr 2022, 17.814 im Jahr 2023, 21.812 im Jahr 2024 und 24.064 im Jahr 2025. Das sind mehr als 92.000 Unternehmensinsolvenzen in fünf Jahren, wobei der Gesamtwert für 2025 der höchste seit 2014 ist. Insolvenzen können nicht einfach nur auf die Gaspreise geschoben werden – das Ende der Pandemie-Hilfen, Finanzierungskosten und die schwache Nachfrage trugen dazu bei –, aber die Verschlechterung fällt mit einem zunehmend schwierigen Kostenumfeld für die Industrie zusammen.
Volkswagen ist mittlerweile zum Symbol für ein größeres Problem geworden. Das Unternehmen diskutiert eine der größten Umstrukturierungen seiner Geschichte, die potenziell zehntausende Arbeitsplätze und deutsche Produktionsstandorte betreffen könnte, während chinesische Hersteller mit kostengünstigeren Elektrofahrzeugen vorstoßen. Energie ist auch hier nur ein Teil der Gleichung, aber europäische Fabriken müssen gleichzeitig mit teurem Strom, teuren Arbeitskräften, langsameren Genehmigungsverfahren und asiatischen Lieferketten konkurrieren, die in enormem Umfang operieren.

Unterdessen fließt die Energie, die Europa abgelehnt hat, zunehmend in Volkswirtschaften, die ihre Produktionsbasis bereits ausbauen. China erhält russisches Pipeline-Gas, das billiger ist als LNG und laut Prognosen der russischen Regierung etwa 30 % unter dem Preis liegt, den verbliebene europäische Kunden für russisches Gas zahlen. Russland und China steuern auf mehr als 50 Mrd. m³ jährliche Lieferungen zu, noch bevor Power of Baikal überhaupt eingerechnet wird.
Zentralasien verdient noch mehr Aufmerksamkeit. Usbekistans Wirtschaft wuchs 2025 um 7,7 % und beschleunigte sich im ersten Halbjahr 2026 auf rund 8,5 %. Die Industrieproduktion stieg stark an, während die russischen Gasimporte in diesem Jahr voraussichtlich 10 Mrd. m³ überschreiten werden. Kasachstans Produktion im verarbeitenden Gewerbe expandierte von Januar bis Juli 2026 um 9 %, wobei die chemische Produktion um fast 27 %, Pharmazeutika um 38,5 % und der Maschinenbau um 22 % zulegten.
Es wäre übertrieben zu behaupten, dass billige russische Energie allein Kasachstan oder Usbekistan wettbewerbsfähiger als Deutschland machen wird. Deutschland verfügt nach wie vor über weitaus tieferes Ingenieurwissen, Kapital, Universitäten, Infrastruktur und fortschrittliche Industriecluster. China hat ebenfalls Vorteile, die weit über russische Energie hinausgehen: enorme Skaleneffekte, integrierte Lieferketten, staatliche Investitionen und technologische Kapazitäten. Aber die Richtung zählt.
Europa versucht, sich um immer teurere Energie herum zu industrialisieren, während China und Teile Zentralasiens Produktionskapazitäten parallel zum Ausbau des Zugangs zu russischen Gas-, Öl- und Stromnetzen aufbauen. Die Antwort Brüssels sind der Clean Industrial Deal, Subventionen, schnellerer Ausbau erneuerbarer Energien, Elektrifizierung und vernetzte Netze. Die Kommission räumt selbst ein, dass bezahlbare Energie für Europas Wettbewerbsfähigkeit elementar geworden ist.
Das ist die unbequeme strategische Frage hinter der europäischen Energiepolitik nach 2022.
Europa mag geopolitische Distanz zu Moskau gewonnen haben. Doch wenn das Ergebnis darin besteht, dass europäische Hersteller teurere Energie kaufen, während Russland billigere Kohlenwasserstoffe zu ihren asiatischen Konkurrenten umleitet, könnte der Kontinent zwar Energieunabhängigkeit erreichen, gleichzeitig aber seine industrielle Unabhängigkeit schwächen.
Das eigentliche Schachmatt wäre nicht der Verlust des russischen Gases für Europa. Es wäre vielmehr, dass Russland dieses Gas anderswo verkauft, während europäische Fabriken feststellen, dass ihre Konkurrenten den Kostenvorteil erhalten haben, den Europa freiwillig aufgegeben hat.




