Das Projekt „Digital Silk Way“ nimmt als eine der ehrgeizigsten digitalen Infrastrukturinitiativen in Eurasien rasch Gestalt an und hat das Potenzial, den Datenfluss zwischen Asien und Europa grundlegend neu zu gestalten. Das Herzstück ist das transkaspische Glasfaserkabel, ein 380 Kilometer langes Unterseekabel, das Sumqayıt in Aserbaidschan mit Aqtau in Kasachstan verbindet – die erste Glasfaserverbindung, die jemals unter dem Kaspischen Meer verlegt wurde.
Der abgeschlossene Meilenstein
Anfang August 2026 gaben Aserbaidschan und Kasachstan den erfolgreichen Abschluss der Unterwasserinstallation des Kabels bekannt, womit die technisch anspruchsvollste Phase des Projekts beendet wurde. Die Installation, die von einem spezialisierten Kabellegerschiff mit einem Gewicht von über 20.000 Tonnen und einer Besatzung von rund 70 Spezialisten durchgeführt wurde, umfasste die Verlegung des armierten Glasfaserkabels entlang einer sorgfältig untersuchten Route, die Ankerplätze und militärische Übungszonen umgeht.
Das Kabel wurde in China hergestellt und getestet, bevor es über den kasachischen Hafen Quryq nach Baku verschifft wurde. Die Offshore-Arbeiten begannen im Juli 2026 und wurden innerhalb weniger Wochen abgeschlossen, wobei das Kabel Anfang August die kasachische Küste erreichte. Derzeit wird an der Anbindung des Kabels an die Onshore-Infrastruktur gearbeitet; die oberirdischen Bauarbeiten sollen im Herbst abgeschlossen sein, gefolgt von der Inbetriebnahme und Systemtests.
Technische Spezifikationen und Kapazität
Das transkaspische Kabel ist so konzipiert, dass es eine internationale Konnektivität von mehr als 400 Terabit pro Sekunde über 32 unverstärkte Glasfaserpaare liefert. Die Signallaufzeit (Latency) zwischen den beiden Ufern beträgt etwa 3,7 Millisekunden, was die Route aus Latenzperspektive äußerst wettbewerbsfähig macht.
Das Projekt wird von CaspiLink B.V. umgesetzt, einem 50/50-Joint-Venture zwischen dem nationalen kasachischen Telekommunikationsbetreiber Kazakhtelecom und AzerTelecom International, einem Teil der aserbaidschanischen NEQSOL Holding. Die Gesamtinvestition wird auf ca. 50,6 Millionen US-Dollar geschätzt und vollständig aus Eigenmitteln der Betreiber ohne staatliche Budgetfinanzierung finanziert.
Strategische Bedeutung und geopolitische Auswirkungen
Der Digital Silk Way soll das schließen, was Ana Nakashidze, CEO von AzerTelecom, als die „fehlende mittlere Route“ der Region bezeichnet hat. Derzeit ist der Internetverkehr aus Zentralasien und dem Südkaukasus stark von zwei Hauptrouten abhängig: über russische Netzwerke im Norden und über Unterseekabelsysteme im Roten Meer und im Mittelmeer im Süden. Beide sind anfällig – die nördlichen Routen sind geopolitischen Risiken und Sanktionen ausgesetzt, während die südlichen Routen operationellen Risiken wie Kabelschäden und Netzüberlastungen unterliegen.

Das transkaspische Kabel schafft eine alternative Route, die Russland und den Iran vollständig umgeht und Europa über Aserbaidschan, Georgien und die Türkei verbindet oder nach Osten durch Kasachstan nach China führt. Für die zentralasiatischen Staaten bietet dies die Möglichkeit, die Abhängigkeit von russischer Transitinfrastruktur zu verringern. Für den Südkaukasus stärkt es die Position der Region als aufstrebender digitaler Hub.
Das Projekt stärkt zudem die digitale Dimension des Mittleren Korridors (Trans-Caspian International Transport Route), der in den letzten Jahren ein wachsendes Containeraufkommen verzeichnete. Wie der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev bestätigte, wird das Kabel voraussichtlich in den kommenden Monaten betriebsbereit sein und einen Schlüsselbestandteil der umfassenderen Digital-Silk-Way-Initiative bilden, die durch Aserbaidschan, Georgien, die Türkei, Kasachstan und Bulgarien führt.
Synergie mit Friedensbemühungen
In einer bedeutenden parallelen Entwicklung haben Aserbaidschan und Armenien – einstige Rivalen im Südkaukasus – ein Abkommen über den Internet-Transit durch das jeweils andere Territorium unterzeichnet, was einen konkreten Schritt in ihrem laufenden Normalisierungsprozess darstellt. Telecom Armenia und AzerTelecom gaben die Vereinbarung gemeinsam bekannt und bezeichneten sie als grundlegenden Schritt, um „Verbindungsrouten in der Region zu diversifizieren, die Zuverlässigkeit der Telekommunikationsnetze zu erhöhen und die Zusammenarbeit im Telekommunikationssektor auszubauen“.
Das Abkommen unterstützt die umfassendere Vision des Digital Silk Way, indem es zu sichereren, stabileren und alternativen Verbindungen in einer Region beiträgt, die strategisch entscheidend für den digitalen Datenfluss zwischen Europa und Asien ist.
Zukunftsaussichten
Der kommerzielle Betrieb des transkaspischen Kabels soll bis Ende 2026 aufgenommen werden, wobei die vollständigen Auslastungsraten voraussichtlich im Laufe des Jahres 2027 deutlich werden. Der langfristige Erfolg des Projekts wird von ausreichenden terrestrischen Netzkapazitäten in Aserbaidschan, Georgien und Kasachstan sowie einem gut entwickelten Netz von Rechenzentren und kommerziellen Vereinbarungen zwischen den Telekommunikationsbetreibern abhängen.
Über den kaspischen Abschnitt hinaus sieht der Digital Silk Way ein breiteres Netzwerk aus terrestrischer und Unterwasser-Infrastruktur vor. Aserbaidschan verfügt bereits über 1.350 Kilometer plus 2.400 Kilometer geschützter terrestrischer Glasfaser entlang von Eisenbahnen und Autobahnen, während Kasachstan fast 6.000 Kilometer Glasfaser in geschützten Korridoren vorweisen kann. Ein künftiges Trans-Black-Sea-Unterseekabel ist geplant, dessen erste Phasen zwischen 2027 und 2030 Bulgarien, die Türkei, Georgien und die Ukraine verbinden sollen.
Kirill Rubinski, Vorstandsmitglied der NEQSOL Holding, merkte dazu an: „Wir sehen eine starke Nachfrage von internationalen Technologieunternehmen nach neuen und resilienten Routen. Das transkaspische Glasfaserprojekt positioniert die Region als zentralen Knotenpunkt im globalen digitalen Infrastrukturnetzwerk“. Für eine Region, die lange Zeit durch ihre Rolle im physischen Handel definiert war, verspricht der Digital Silk Way nun, sie auch zu einem digitalen Kreuzungspunkt zu machen.




