Slowenien ist Zeuge des Verschwindens seiner Gletscher. Nach 80 Jahren wissenschaftlicher Beobachtung haben Forscher bestätigt, dass der einst berühmte Triglav-Gletscher faktisch verschwunden ist. Nur ein bedeutender Eisrest verbleibt unterhalb des Mount Skuta, wo eine Schuttschicht nun begrenzten Schutz gegen weiteres Schmelzen bietet.
Die Folgen gehen über die schwindende Bergkulisse hinaus. Wissenschaftler warnen, dass der Verlust des Alpeneises die sommerlichen Flusspegel, Grundwasserreserven, Trinkwasservorräte und die Landwirtschaft in ganz Mitteleuropa bedroht.
Von 14 Hektar auf fast nichts
Als 1946 systematische Messungen begannen, bedeckte der Triglav-Gletscher etwa 14 Hektar — das entspricht rund 20 Fußballfeldern.
Bis 2024 verblieben lediglich 0,2 Hektar, was einem Rückgang von etwa 98,6 % entspricht.
Die Dicke des Gletschers erzählt eine ebenso dramatische Geschichte. Messungen im Jahr 2022 ergaben eine durchschnittliche Eisdicke von nur 1,4 Metern bei einem Restvolumen von rund 2.455 Kubikmetern.
Das ist weniger Wasser als in einem einzigen olympischen Schwimmbecken, das etwa 2.500 Kubikmeter fasst.
Nach einem ungewöhnlich schneearmen Winter und dem außergewöhnlich heißen Sommer 2026 berichteten Forscher, dass das restliche Eis verschwunden sei.
Sloweniens letzter Gletscher, geschützt durch Gestein
Der Skuta-Gletscher in den Steiner Alpen (Kamnik-Savinja Alps) hat aufgrund seiner schattigen Lage länger überlebt.
Im Jahr 1946 bedeckte er etwa drei Hektar. Heute sind nur noch rund 1,5 Hektar übrig, wobei sich die Eisdicke von mehreren zehn Metern auf nur noch wenige Meter verringert hat.
Forscher berichten, dass 80–90 % seiner Oberfläche inzwischen von Kies und Gesteinsbrocken bedeckt sind, die das Eis vor direkter Sonneneinstrahlung schützen.
Es handelt sich hierbei jedoch primär um eine natürliche Schuttbedeckung und nicht um ein neu installiertes technisches System. Sie bietet eine begrenzte Isolierung, während der Gletscher an den Seiten und von unten weiter schmilzt.
In Hohlräumen unter dem Eis tropft weiterhin Wasser von der Decke. Wissenschaftler glauben, dass Skuta demselben Pfad folgt wie Triglav.
Die größere Gefahr: Europas Flüsse
Gletscher fungieren als natürliche Süßwasserreservoire. Im Winter sammelt sich Schnee an, der in den wärmeren Monaten Wasser abgibt und so die Flüsse stützt, wenn Regenfälle ausbleiben.
Wenn Gletscher schrumpfen, verändert sich das saisonale Gleichgewicht. Schmelzprozesse können den Abfluss zunächst erhöhen, aber sobald das gespeicherte Eis verschwunden ist, geht diese zusätzliche sommerliche Versorgung verloren.
Die Flusssysteme von Drava und Mura, die Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn verbinden, hängen teilweise von den alpinen Schnee- und Eisreserven ab.
Verringerte Sommerabflüsse könnten die Bewässerung, die Grundwasserneubildung, Trinkwasserbrunnen und die Wasserkraftnutzung beeinträchtigen.
Dennoch tragen Sloweniens winzige verbliebene Gletscher nur einen kleinen Bruchteil zum nationalen Flussabfluss bei. Die größere regionale Gefahr geht vom Verschwinden der weitaus umfangreicheren alpinen Gletscher Österreichs aus, kombiniert mit einer abnehmenden Schneedecke und sich ändernden Niederschlagsmustern.

Österreich: 94 von 96 Gletschern ziehen sich zurück
Das Problem erstreckt sich über die gesamten Alpen.
Laut dem Bericht des Österreichischen Alpenvereins vom März 2026 zogen sich 94 der 96 beobachteten österreichischen Gletscher im Messzeitraum 2024–2025 zurück.
Unter den 79 Gletschern, die in aufeinanderfolgenden Jahren vermessen wurden, erreichte der durchschnittliche Rückzug 20,3 Meter.
Einige verzeichneten wesentlich größere Verluste:
• Alpeiner Ferner, Tirol: 114,3 Meter
• Sonnblickkees, Salzburg: 103,9 Meter
• Krimmler Kees: 90,3 Meter
• Pasterze, Österreichs größter Gletscher: 54 Meter
Forscher warnen, dass viele tiefer gelegene Alpengletscher in den kommenden Jahrzehnten verschwinden könnten.
Die Schweiz verliert ein Fünftel ihres Eises in fünf Jahren
Die Schweiz liefert einen weiteren markanten Vergleich.
Nach Angaben der ETH Zurich und des Schweizer Gletschermessnetzes verloren die Gletscher des Landes allein im Jahr 2026 mehr als 5 % ihres gesamten Eisvolumens.
Seit 2021 hat die Schweiz fast 20 % ihres verbliebenen Gletschereises verloren.
Einige Gletscheroberflächen wurden in einem einzigen Jahr um 2,5 bis 4 Meter dünner, während bestimmte Gletscherzungen bis zu 10 Meter einbüßten.
Das entspricht der Höhe eines dreistöckigen Gebäudes, das in nur einem Sommer von der Eisoberfläche verschwindet.
Verschwindende Ökosysteme und wachsende wirtschaftliche Kosten
Schmelzendes Eis legt instabiles Gestein frei, verändert Lebensräume im Gebirge und erhöht die Risiken durch Steinschlag und plötzliche Wasserfreisetzungen.
Auch der Alpentourismus muss sich anpassen. Traditionelle Gletscherwanderwege verändern sich, Schutzhütten stehen vor neuen Herausforderungen bei der Wasserversorgung und ehemals gefrorenes Gelände wird instabiler.
Für Landwirte flussabwärts können zunehmend unregelmäßige Flussläufe einen Ausbau von Bewässerungsspeichern, wassersparende Technologien und eine geänderte Sortenwahl erforderlich machen.
Gletscherschwund bedeutet nicht, dass Mitteleuropa schlichtweg das Wasser ausgeht. Aber es kann bedeuten, dass weniger Wasser genau dann ankommt, wenn Landwirtschaft, Industrie und Haushalte es am dringendsten benötigen.
Können Europas Gletscher noch gerettet werden?
Die Erfahrung Sloweniens verdeutlicht die Grenzen des lokalen Schutzes.
Kies und isolierende Abdeckungen können das Schmelzen an bestimmten Orten vorübergehend verlangsamen, aber sie können die regionale Erwärmung nicht umkehren oder ganze Gletscher wieder aufbauen.
Der Unterschied zwischen 14 Hektar Eis und einer kahlen Bergflanke ist heute innerhalb eines einzigen Menschenlebens sichtbar geworden.
Für Slowenien markiert das Verschwinden des Triglav den Verlust eines nationalen Naturdenkmals. Für Österreich, die Schweiz und die Nachbarländer stellt es eine umfassendere Warnung vor der sich ändernden Verfügbarkeit von Süßwasser dar.
Europas Gletscher verschwinden nicht einfach nur aus den Bergen. Die natürlichen Wasserspeichersysteme, die die Alpenflüsse seit Jahrhunderten speisen, verändern sich mit ihnen.
