Die EU selbst hat die Wassersicherheit nun deutlich weiter oben auf die politische Agenda gesetzt. Ihre Strategie für Wasserresilienz (Water Resilience Strategy) fordert eine Verbesserung der Wassereffizienz um mindestens 10 % bis 2030, flankiert von mehr als 50 Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur, digitale Überwachung, Wiederverwendung und Wiederherstellung natürlicher Wassersysteme. Das Prinzip aus Brüssel ist eindeutig: Zuerst müssen unnötiger Bedarf und übermäßige Entnahmen reduziert werden, gefolgt von Effizienzsteigerung und Wasserwiederverwendung; die Erschließung neuer Ressourcen sollte erst an späterer Stelle stehen.
Spanien: Bewässerung, Recycling und Entsalzung
Spanien ist bereits am weitesten fortgeschritten bei der Anpassung der Landwirtschaft an permanente Wasserknappheit. Etwa 22 % der spanischen Agrarflächen werden bewässert, erwirtschaften aber rund 70 % des Wertes der Gemüseproduktion, was Wassersicherheit zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit macht. Madrid mobilisiert bis 2027 mehr als 2,5 Milliarden Euro für die Modernisierung der Bewässerung, wobei Präzisionsbewässerung, Automatisierung, digitale Steuerung und energiesparende Systeme eingeführt werden. Die Regierung baut zudem die Nutzung von aufbereitetem Abwasser und entsalztem Meerwasser aus; über 216 Millionen Euro werden in 19 Projekte für nicht-konventionelles Wasser in besonders trockenen Regionen investiert. Spanien verabschiedete zudem im Juni 2026 überarbeitete spezielle Dürremanagementpläne für seine großen zwischenstaatlichen Flusseinzugsgebiete.
Spaniens Ansatz ist somit der technologischste und angebotsorientierteste unter den sechs Ländern: Jeder Kubikmeter soll produktiver genutzt werden, während recyceltes und entsalztes Wasser dort ergänzt wird, wo auf natürliche Niederschläge kein Verlass mehr ist.
Frankreich: Weniger verbrauchen vor dem Neubau
Frankreich hat einen merklich anderen Schwerpunkt gewählt. Sein 53 Maßnahmen umfassender „Plan Eau“ zielt darauf ab, die nationalen Wasserentnahmen bis 2030 um 10 % zu senken, undichte Leitungsnetze zu reparieren, bis 2027 insgesamt 1.000 Wasserwiederverwendungsprojekte zu entwickeln, die Speicherung in Böden und Grundwasserleitern zu verbessern und die Behörden früher auf Dürrebeschränkungen vorzubereiten. Bis April 2026 gab die Regierung an, dass alle Maßnahmen eingeleitet worden seien und 77 % bereits umgesetzt würden.
Frankreich setzt im Wesentlichen darauf, dass ein Großteil der künftigen Knappheit durch geringeren Verbrauch, Wiederverwendung und bessere Zuteilung bewältigt werden kann, anstatt lediglich weitere Stauseen zu errichten.
Italien: Milliarden für Rohre, Reservoirs und Bewässerung
Italien steht vor dem vielleicht größten Infrastrukturproblem. Laut der Europäischen Kommission gehen mehr als 40 % des öffentlichen Wassers durch veraltete Netze verloren. Rom verfolgt daher eine stark infrastrukturorientierte Strategie. Das nationale Programm umfasst derzeit 733 Wasserprojekte im Wert von mehr als 6 Milliarden Euro, wobei weitere rund 1,7 Milliarden Euro für Trinkwasser- und Bewässerungsprojekte vorbereitet werden. Etwa 1 Milliarde Euro aus Wiederaufbaumitteln wurde bereits für 124 Maßnahmen an Reservoirs und Wasserversorgungssystemen eingesetzt.
Italien baut zudem die Abwasserwiederverwendung und moderne Bewässerung aus. Die grundlegende Herausforderung ist simpel: Bevor neues Wasser erschlossen wird, muss der massive Verlust der bereits vorhandenen Ressourcen gestoppt werden.
Österreich: Trinkwasser schützen, bevor Engpässe entstehen
Österreich ist im Vergleich dazu weiterhin wasserreich, doch das Jahr 2026 hat gezeigt, dass dieser Vorteil nicht selbstverständlich ist. Der „Plan zur Sicherung der Trinkwasserversorgung“ des Landes konzentriert sich auf vernetzte Versorgungssysteme, zusätzliche Speicher- und Entnahmekapazitäten, Grundwassermonitoring und regionale Notfallplanung. Allein im Jahr 2025 unterstützten kommunale Wasserinvestitionen von rund 898 Millionen Euro den Bau von 330 Kilometern neuer Leitungen, die Sanierung von 376 Kilometern, 81 neue Entnahmeanlagen und zusätzliche Reservoirkapazitäten. Mehr als 3.800 Grundwassermessstellen dienen als Frühwarnsystem für regionale Engpässe.

Österreichs Strategie ist daher primär auf präventive Resilienz ausgerichtet: Die Netze werden gestärkt, bevor lokale Brunnen und Quellen unzuverlässig werden.
Deutschland: Städte und Landschaften in Schwämme verwandeln
Deutschlands Nationale Wasserstrategie reicht bis zum Jahr 2050 und umfasst 78 Einzelmaßnahmen. Anstatt sich auf große Stauseen zu konzentrieren, will Berlin Wasser zunehmend in der Fläche speichern: durch renaturierte Auen, wiedervernässte Moore, natürliche Überschwemmungsgebiete, gesündere Wälder und „Schwammstädte“ mit weniger versiegelten Flächen, mehr Vegetation und Regenwasserspeichern. Die Regierung zieht zudem einheitlichere Wasserentnahmeentgelte und stärkere regionale Wassernetze für den Fall von Engpässen in Betracht.
Die zentrale Idee Deutschlands ist es, Regenwasser nicht mehr als etwas zu betrachten, das schnellstmöglich abgeleitet werden muss, sondern es für die nächste Trockenperiode zurückzuhalten.
Ungarn: Vom Abfließenlassen zum Festhalten
Ungarn vollzieht den vielleicht dramatischsten philosophischen Wandel. Sein neuer Aktionsplan für nachhaltige Wasserwirtschaft, der im August 2026 verabschiedet wurde, verschiebt die Politik explizit von der schnellen Entwässerung hin zur natürlichen Wasserrückhaltung. Die Regierung will Hochwasser, Regen und Flusswasser in Auen, ehemaligen Flussbetten, Altwassern, Böden und im Grundwasser zurückhalten. Nach Regierungsangaben könnte die Große Tiefebene bei großen Hochwassern potenziell 2 bis 4 Milliarden Kubikmeter zusätzliches Wasser speichern.
Die Dringlichkeit ist offensichtlich: Bis Juli 2026 hatte das aufgelaufene Niederschlagsdefizit in Ungarn seit 2021 landesweit 554 Millimeter erreicht, in Teilen der Großen Tiefebene und des Theiß-Beckens sogar über 900 Millimeter. Während des Sommers hielten die Wasserbehörden bereits rund 695 Millionen Kubikmeter in Reservoirs, Kanälen und Altwassern zurück.
Die sechs Länder bewegen sich somit auf unterschiedlichen Wegen auf dasselbe Ziel zu. Spanien und Italien investieren massiv in Ingenieursleistungen; Frankreich konzentriert sich auf Effizienz und Wiederverwendung; Österreich auf sichere Trinkwassernetze; Deutschland auf Schwammlandschaften und Ungarn darauf, das Wasser im Land zu halten, anstatt es abfließen zu lassen.
Die nächste europäische Wasserkrise wird immer noch vom Niederschlag abhängen. Ob eine Dürre jedoch zu einer wirtschaftlichen Katastrophe wird, wird zunehmend davon abhängen, was die Regierungen bauen – und welches Wasser sie retten können – bevor der Regen ausbleibt.




