Europa befindet sich inmitten einer tiefgreifenden Identitätskrise. Die Frage „Was bedeutet es, Europäer zu sein?“ ist zu einem politischen Schlachtfeld geworden, das den Kontinent polarisiert und tiefe Risse zwischen konkurrierenden Visionen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft offenbart. Im Zentrum dieses Kampfes steht ein grundlegendes Spannungsverhältnis: Wie lassen sich die Ideale des 18. Jahrhunderts, die das moderne Europa geprägt haben, mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts – Globalisierung, Migration und eine multipolare Welt – in Einklang bringen?
Das Erbe des 18. Jahrhunderts: Die Aufklärung und ihre Paradoxien
Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts markierte einen Wendepunkt im europäischen Selbstverständnis. Die Vorstellung von Europa als „Christliche Republik“ wich dem Konzept von Europa als Kultur – die europäische Identität wurde über ihre Kultur definiert. Diese Epoche brachte auch die universalistischen Bestrebungen hervor, die noch heute die Rhetorik der EU untermauern: der Glaube an Naturrechte, individuelle Freiheit und menschliche Gleichheit.
Doch dieses Erbe ist höchst umstritten. Die universalistischen Ideale der französischen Aufklärung – welche die Europäische Kommission häufig sowohl als universell gültig als auch als spezifisch europäisch darstellt – trugen stets einen Schatten der Ausgrenzung in sich. Wie Wissenschaftler dargelegt haben, wurden moderne europäische Staaten nicht auf Toleranz und Inklusion aufgebaut, sondern auf religiöser Intoleranz und dem Ausschluss von Minderheiten, was „den Klebstoff bildete, der die verbliebenen Bevölkerungen zusammenhielt“. Die „liberalen, säkularen westlichen politischen Traditionen wurden auf dem Fundament illiberaler, intoleranter Ursprünge gegründet“.
Diese düstere Lesart der europäischen Geschichte stellt das Standardnarrativ einer linearen Entwicklung von der griechischen und römischen Zivilisation über die Aufklärung bis hin zur modernen Demokratie infrage – ein Narrativ, von dem viele Wissenschaftler heute behaupten, es sei „ideologisch motiviert“ und diene dazu, die westliche Expansion und den Kolonialismus zu legitimieren.
Das Nachkriegsprojekt und sein Scheitern
Die Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschütterten das kulturelle Selbstbewusstsein Europas. Die Idee von Europa als einheitliche Kultur wurde durch das „Zukunftsprojekt Europa“ ersetzt – das europäische Integrationsprojekt in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Wie Jacques Delors, der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission, es ausdrückte, bestand das Ziel darin, „Europa eine Seele zu geben“.
Dennoch ist es diesem Projekt nicht gelungen, eine echte europäische Identität zu schaffen. Das Scheitern der europäischen Verfassung und die Referenden zum Vertrag von Lissabon zeigten, dass die Europäer weiterhin stark vom Nationalismus geprägt sind und die Notwendigkeit der europäischen Einheit nicht internalisiert haben. Heute erscheinen die proklamierten Werte der EU – Multikulturalismus, Diversität, Toleranz – eher als „aufgeklärt und idealistisch denn als realitätsbasiert“, mehr ein Ausdruck der Hoffnung für die Zukunft als ein Spiegelbild gemeinsamer Erfahrungen.

Die gegenwärtige Polarisierung
Die Identitätsfrage steht heute im Zentrum eines kontinentalen Kulturkampfes. Auf der einen Seite stehen die „hegemonialen Werte, die von der kulturellen Elite gefördert werden“ – ein Wertesystem, das der Soziologe Frank Furedi als „administrativ geschaffen“ und „wertefrei“ beschreibt und das DEI-Konzepte (Diversity, Equity, Inclusion) nach amerikanischem Vorbild als Selbstzweck übernimmt.
Auf der anderen Seite versuchen Traditionalisten und Nationalisten, „das Erbe der Erfahrung Europas und seiner Errungenschaften“ zu bewahren, indem sie Identität in nationaler Souveränität und historisch verwurzelten kulturellen Traditionen verankern. Diese Spaltung spiegelt einen breiteren Kampf zwischen universalistischen und partikularistischen Visionen wider: die Selbst-Universalisierung der EU gegen das Gegenideal eines „Europas der Nationen“, das nationale Traditionen und kulturell spezifische Formen der politischen Zugehörigkeit betont.
Diese Polarisierung ist nicht rein intellektueller Natur. Die ungarische Regierung hat massiv in Think Tanks wie den MCC Brussels investiert, um ein „formidables Gegengewicht zum Liberalismus der sogenannten Brüsseler Blase“ zu schaffen und eine Vision für Europas Zukunft zu fördern, die in seiner „traditionellen Vergangenheit“ verwurzelt ist.
Ost-West- und neue Generationen-Konflikte
Die Identitätskrise wird durch geopolitische Spannungen verschärft. Mit der Osterweiterung der EU ist die interne Einigkeit über ihre künftige Ausrichtung brüchiger geworden. Eine jüngste Konferenz des Jugendflügels der Europäischen Volkspartei offenbarte eine deutliche Ost-West-Kluft. Delegierte aus Osteuropa – die erste Generation, die vollständig innerhalb der EU aufgewachsen ist – neigen dazu, mehr Integration zu befürworten und sehen die Vorteile der Mitgliedschaft. Ihre Kollegen aus West- und Nordeuropa sind skeptischer und stellen infrage, ob Brüssel seine Kompetenzen weiter ausbauen sollte, während der innenpolitische Druck durch Wohnraum- und Lebenshaltungskosten steigt.
Der Weg nach vorn: Kohärenz statt Einheit
Der Historiker Wolfgang Schmale legt nahe, dass das alte Paradigma der europäischen Identität als eine „Wesenseinheit“ einem neuen Paradigma der „Kohärenz in europäischer und globaler Vielfalt“ weicht. Die künftige europäische Identität, so argumentiert er, sollte weniger als fundamentale Einheit und mehr als ein Prozess der Bildung von Kohärenz über Differenzen hinweg verstanden werden. Ob sich diese Vision gegenüber den Kräften der Polarisierung durchsetzen kann, bleibt die entscheidende Frage für die Zukunft Europas.
