Am Ufer des Flusses Krishna in Südindien wächst eines der ehrgeizigsten städtebaulichen Projekte des Landes auf einstigem Ackerland empor. Amaravati, die geplante Hauptstadt von Andhra Pradesh, soll etwas werden, das in Indien noch immer Seltenheitswert hat: eine moderne Stadt, die konzipiert wurde, bevor Millionen von Menschen in sie hineinziehen.
Mehr als 25.000 Arbeiter sind derzeit an den Baumaßnahmen beteiligt. Der Plan kombiniert Regierungsviertel, Wohngebiete, Wasserwege, Radwege und große Grünflächen mit einem Technologiezentrum namens „Quantum Valley“. In einem seiner Herzstücke soll nach Angaben der Planer Indiens größter Quantencomputer untergebracht werden.
Hinter dem Projekt steht der Chief Minister von Andhra Pradesh, N. Chandrababu Naidu, der Amaravati nicht bloß als Verwaltungssitz sieht, sondern als Demonstration dafür, wie eine neue Generation indischer Städte gebaut werden könnte. Indiens bestehende Megastädte sind außerordentlich schnell gewachsen, wobei Verkehr, Entwässerung, Wohnraum und öffentliche Infrastruktur oft kaum mit dem Tempo Schritt halten konnten.
Amaravati verfolgt den gegenteiligen Ansatz: Infrastruktur und Stadtstruktur werden zuerst geplant. Das zentrale Regierungsviertel ist Teil eines Masterplans, der gemeinsam mit Foster + Partners, dem von Norman Foster gegründeten britischen Architekturbüro, entwickelt wurde. Das Gesamtprojekt umfasst ein riesiges Areal, in dem bedeutende staatliche Institutionen das bürgerliche Herz der neuen Hauptstadt bilden sollen.
Wasser spielt eine ungewöhnlich prominente Rolle. Bestehende Kanäle werden integriert und in die Stadtlandschaft ausgebaut, während grüne Korridore und eine Fahrrad-Infrastruktur die Stadt unabhängiger vom Auto machen sollen.

Technologie ist ebenso wichtig. Durch das Quantum Valley hofft Andhra Pradesh, Forschungseinrichtungen, Unternehmen für Hochleistungsrechnen und internationale Investitionen anzuziehen, um die neue Hauptstadt in ein Wirtschaftszentrum zu verwandeln, das mehr ist als nur eine Ansammlung von Regierungsgebäuden.
Der politische Zeitplan ist jedoch fast so wichtig wie der architektonische. Naidu möchte, dass bis zu den Wahlen in Andhra Pradesh im Jahr 2029 genügend Teile von Amaravati fertiggestellt sind, um das Projekt faktisch unumkehrbar zu machen. Vorangegangene Regierungswechsel hatten die Entwicklung der Hauptstadt bereits drastisch verlangsamt.
Das macht Amaravati zu mehr als einem stadtplanerischen Experiment. Es ist ein Test dafür, ob Indien eine Großstadt gezielt aufbauen kann, anstatt zuzulassen, dass sie durch jahrzehntelange unkontrollierte Expansion entsteht.
Sollte das Projekt Erfolg haben, liegt seine größte Errungenschaft vielleicht nicht in den Regierungsgebäuden oder den Quantencomputern. Es könnte etwas wesentlich Wichtigeres liefern: ein Modell, das zeigt, dass schnelles Wirtschaftswachstum, Technologie und Urbanisierung nicht zwangsläufig zu Überlastung und verschlechterten Lebensbedingungen führen müssen.
Amaravati wird daher nicht nur als neue Hauptstadt von Andhra Pradesh gebaut, sondern als Plädoyer dafür, wie die indische Stadt der Zukunft aussehen könnte.




