Eine umfassende europäische Untersuchung deckt auf, wie organisierte kriminelle Netzwerke den EU-Binnenmarkt angeblich in ein profitables Instrument für Steuerbetrug verwandelt haben.
Europas größter Binnenmarkt ist darauf ausgelegt, Barrieren zwischen den Mitgliedstaaten abzubauen und den freien Warenverkehr über nationale Grenzen hinweg zu ermöglichen. Doch eine am 7. Oktober bekannt gegebene Untersuchung legt nahe, dass genau dieses System von hochgradig organisierten kriminellen Vereinigungen ausgenutzt wurde, um den Steuerzahlern Hunderte Millionen Euro zu entziehen.
Die Europäische Staatsanwaltschaft (EUStA / EPPO) gab die Festnahme von 62 Verdächtigen im Rahmen der Operation Hermes bekannt, einer multinationalen Untersuchung zu mutmaßlichem Mehrwertsteuerbetrug mit Mobiltelefonen und elektronischen Geräten. Ermittler schätzen, dass die mutmaßlichen Machenschaften den EU-Mitgliedstaaten einen Mehrwertsteuerschaden von mindestens 410 Millionen Euro verursacht haben.
Acht Länder, Hunderte Durchsuchungen
Am 7. Oktober führten die Behörden mehr als 300 Durchsuchungen in Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Malta, den Niederlanden, Portugal und Spanien durch. Von den 62 festgenommenen Personen befanden sich 39 in Portugal, 20 in Spanien und drei in Italien. Die Ermittler nahmen Privatwohnungen, Firmenbüros sowie Räumlichkeiten von Zwischenhändlern, Anwälten, Steuerberatern und Logistikunternehmen ins Visier.
Die Behörden vollstreckten zudem Beschlüsse zur Beschlagnahmung von mutmaßlichen kriminellen Vermögenswerten in Höhe von bis zu 310 Millionen Euro. Bankkonten und Unternehmensanteile wurden eingefroren, während die Ermittler Eigentum wie Fahrzeuge, Luxusautos, Bargeld und Goldmünzen sicherstellten. Beschlagnahmeanordnungen dürfen jedoch nicht mit bereits sichergestellten Geldern verwechselt werden. Die Ermittlungen dauern an, und für die Verdächtigen gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.
Wie der Betrug angeblich funktionierte
Das mutmaßliche System nutzte eine Schwachstelle in den europäischen Mehrwertsteuerregelungen aus. Waren, die zwischen mehrwertsteuerpflichtigen Unternehmen in verschiedenen Mitgliedstaaten gehandelt werden, können im Allgemeinen bewegt werden, ohne dass der Verkäufer inländische Mehrwertsteuer berechnet. Wenn diese Produkte anschließend innerhalb eines Mitgliedstaats verkauft werden, wird die Mehrwertsteuer fällig.
Den Ermittlern zufolge schufen die Netzwerke komplizierte Ketten von Unternehmen, die wiederholt Elektronikartikel grenzüberschreitend handelten. Einige Unternehmen sollen die Mehrwertsteuer von Kunden kassiert haben und dann verschwunden sein, ohne die Steuer an die Finanzbehörden abzuführen. Andere Unternehmen in der Handelskette machten daraufhin Mehrwertsteuererstattungen oder Vorsteuerabzüge geltend.
Diese Arrangements sind gemeinhin als Karussellbetrug oder „Missing-Trader“-Betrug bekannt. Der Schaden kann sich vervielfachen, da dieselben Produkte aufeinanderfolgende Transaktionen durchlaufen, was es kriminellen Organisationen ermöglicht, Steuervorteile zu generieren, ohne einen tatsächlichen wirtschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Zwei Netzwerke arbeiteten zusammen
Die Operation Hermes ist besonders bedeutsam, da die Ermittler zwei angeblich getrennte kriminelle Syndikate identifizierten, die kooperierten. Nach Angaben der EPPO teilten sich die Gruppen Unternehmen, Waren und Logistikdienstleistungen. Die Ermittler vermuten zudem, dass sie illegale Erträge über die Unternehmen des jeweils anderen leiteten und ihre Aktivitäten über verschlüsselte Kommunikation koordinierten.
Ein Verdächtiger soll zuvor ein Mehrwertsteuer-Betrugsnetzwerk geleitet haben, das zwischen 2019 und 2023 Schweden im Visier hatte. Nachdem Ermittlungen diese Operation zerschlagen hatten, glauben die Staatsanwälte, dass die Person nach Portugal umzog und über Verwandte und enge Vertraute ein weiteres Netzwerk aufbaute. Dieses Muster verdeutlicht eine ernsthafte Herausforderung für die europäischen Behörden: Die Schließung einzelner Unternehmen führt nicht zwangsläufig zur Zerschlagung der dahinterstehenden Organisationen. Die EPPO stellte zudem Ähnlichkeiten mit früheren Ermittlungen namens Admiral und Moby Dick fest.
Warum seriöse Unternehmen verlieren
Die Opfer dieser mutmaßlichen Machenschaften sind nicht nur die Finanzbehörden. Unternehmen, die sich illegal der Mehrwertsteuerzahlung entziehen, können Waren zu Preisen anbieten, mit denen rechtskonforme Betriebe dauerhaft nicht mithalten können. Ehrliche Händler, Elektronikeinzelhändler und Importeure verlieren daher möglicherweise Kunden an Betreiber, deren Wettbewerbsvorteil aus mutmaßlicher Steuerhinterziehung statt aus Effizienz resultiert.
Verlorene Steuereinnahmen reduzieren zudem die Mittel für Infrastruktur, Bildung, Gesundheitswesen und andere staatliche Dienstleistungen. Für die EU wirft dies eine unbequeme Frage nach der Wirksamkeit der grenzüberschreitenden Finanzaufsicht auf.
Kann Europa die Schlupflöcher schließen?
Die Untersuchung beweist, dass europäische Staatsanwälte und nationale Polizeikräfte große multinationale Operationen koordinieren können. Dennoch verdeutlicht der geschätzte Verlust von 410 Millionen Euro auch, wie viel mutmaßlicher Betrug sich ansammeln kann, bevor die Strafverfolgung eingreift. Eine verbesserte elektronische Rechnungsstellung, ein schnellerer grenzüberschreitender Austausch von Steuerdaten, strengere Prüfungen der wirtschaftlichen Eigentümer und eine frühere Identifizierung verdächtiger Handelsmuster könnten die Möglichkeiten für diese Netzwerke einschränken.
Die grundlegende Herausforderung besteht darin, die wirtschaftlichen Vorteile des Freihandels zu bewahren und gleichzeitig zu verhindern, dass kriminelle Akteure die Unterschiede zwischen den nationalen Steuersystemen ausnutzen. Bei der Operation Hermes geht es daher um mehr als nur um Mobiltelefone. Sie ist ein Test dafür, ob Europa die finanzielle Integrität des von ihm geschaffenen Binnenmarktes schützen kann.
