Eine Berghütte auf 2.300 Metern Höhe in den italienischen Dolomiten ist zum jüngsten Beispiel dafür geworden, wie Social-Media-Algorithmen ein ruhiges Ziel über Nacht in einen Tourismus-Hotspot verwandeln können. Die Attraktion ist keine neue Seilbahn, kein Luxushotel und auch kein spektakulärer Aussichtspunkt. Es ist ein mit Creme gefüllter Krapfen für 4 Euro.
Die Friedrich-August-Hütte, die zwischen dem Col Rodella und dem Sellajoch im Fassatal liegt, ist Wanderern seit langem für ihren Panoramablick auf den Langkofel und den Rosengarten sowie für traditionelle Tiroler und ladinische Gerichte bekannt. In diesem Sommer wurden jedoch ihre frisch gebackenen Vanillecreme-Krapfen zu einer viralen Sensation, nachdem Food-Influencer sich dabei filmten, wie sie diese vor der dramatischen Kulisse der Dolomiten verspeisten.
Das Ergebnis war außergewöhnlich. Hunderte von Besuchern reisten eigens wegen des Gebäcks an, wobei einige Berichten zufolge noch vor der Dämmerung aufbrachen oder sogar in der Nähe campten, um sicherzustellen, dass sie die Hütte erreichten, bevor die Vorräte erschöpft waren. Auf dem schmalen Bergpfad bildeten sich lange Schlangen. Anstatt Besucher abzuschrecken, erzeugten Fotos und Videos der Warteschlangen online noch mehr Aufmerksamkeit und schufen einen selbstverstärkenden Kreislauf: Die Massen produzierten Inhalte, und die Inhalte produzierten noch mehr Massen.
Das Phänomen hat in Italien die Debatte über Overtourism neu entfacht. Die Dolomiten gehören bereits zu den bekanntesten Bergzielen Europas, doch der virale Tourismus stellt eine andere Herausforderung dar als die traditionelle Urlaubsnachfrage. Ein Ort kann plötzlich und mit wenig Vorwarnung hunderte oder tausende zusätzliche Besucher empfangen, weil ein einzelnes Video, ein Foto oder eine Essensempfehlung durch Instagram, TikTok oder andere Plattformen verstärkt wird.
Italienische Bergorganisationen kritisierten den, wie sie es nennen, algorithmengesteuerten Tourismus und argumentieren, dass einige Besucher zunehmend reisen, um ein Bild zu reproduzieren, anstatt das Reiseziel selbst zu erleben. Die Friedrich-August-Hütte ist besonders symbolträchtig, da sie in einer Landschaft liegt, die mit Wandern, Stille und Natur assoziiert wird, aber durch ein Gebäck international berühmt wurde, das innerhalb von Sekunden fotografiert und gepostet werden kann.

Für Tourismusbetreiber kann virale Aufmerksamkeit wertvolle Einnahmen bringen. Sie kann jedoch auch Parkplätze, Wanderwege, Abfallsysteme, Personal und empfindliche natürliche Umgebungen überfordern. Bergziele sind besonders anfällig, da die Infrastruktur begrenzt ist und Wanderwege unbegrenzte Menschenmengen nicht sicher aufnehmen können.
Der 4-Euro-Krapfen steht daher für etwas viel Größeres als einen Food-Trend. Früher wurde der Tourismus in erster Linie durch Reiseführer, Reisebüros und saisonale Werbung geprägt.
Heute kann ein Algorithmus fast augenblicklich enorme Menschenmengen an ein entlegenes Ziel umleiten.
Für Orte wie die Dolomiten besteht die Herausforderung nicht mehr nur darin, Touristen anzulocken – sondern darin, den Ruhm zu bewältigen, wenn das Internet zu viele von ihnen auf einmal schickt.

